Wie eine Halbkugel aus Jena den Blick aufs Universum verändert hat – UNESCO-Lehrkräfte aus ganz Deutschland zu Gast in Jena
Jena. Wo, wenn nicht in Jena, könnte man über die Vermittlung des Universums besser sprechen? Und wann wäre dafür der beste Zeitpunkt, wenn nicht jetzt? Denn seit nunmehr 100 Jahren gehört das Planetarium fest zur Geschichte der Stadt – und keine andere Firma wird so eng mit jener Technik verbunden, wie ZEISS, die den Sternenhimmel in Planetarien rund um den Globus erlebbar macht. Diese besondere Verbindung stand am 24. September im Mittelpunkt eines Workshops im Rahmen der Jahrestagung der UNESCO-Projektschulen 2026.
Vom 22. bis 25. September kamen in Erfurt Lehrerinnen und Lehrer von UNESCO-Projektschulen aus ganz Deutschland zusammen, um sich über die Projekte des vergangenen Jahres auszutauschen, Neuigkeiten zu den sechs Säulen der UNESCO-Arbeit zu erfahren und mit neuen Ideen zu ihren Schulen zurückzukehren. Im Zuge dessen waren die Pädagoginnen und Pädagogen am Donnerstag in den 12 Thüringer Schulen zu Gast um einige kulturelle Schätze unseres Landes näher kennen zu lernen. Einer dieser Workshops führte 15 von ihnen nach Jena an das Staatliche Berufsbildende Schulzentrum Göschwitz (SBSZ). Die Gäste, die unter anderem aus Hamburg, Düsseldorf und Nürnberg angereist waren, erwartete dort ein Programm, das kaum enger mit der Geschichte und Gegenwart Jenas hätte verbunden sein können.
Unter dem Titel „Immaterielles Kulturerbe: Immersive Vermittlung der Natur und des Universums in Planetarien“ verband der Tag UNESCO-Arbeit und berufliche Bildung mit Wissenschaft, Technik und einem besonderen Stück Jenaer Stadtgeschichte.
Schon zum Auftakt wurde deutlich, dass die Schülerinnen und Schüler selbst im Mittelpunkt stehen sollten. Anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Planetarium Jena“ hatten angehende Feinoptikerinnen und Feinoptiker des zweiten Lehrjahres eigene Modelle angefertigt. So entstanden Arbeiten, die das Thema Planetarium nicht nur theoretisch behandelten, sondern im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar machten.
Anschließend nahmen Schülerinnen und Schüler der Feinoptikerklasse FO24a des dritten Lehrjahres die Gäste mit auf eine Reise durch Raum und Zeit. In vier Vorträgen spannten sie einen weiten Bogen: von der Geschichte der Astronomie und den Anfängen des Jenaer Planetariums über die Entstehung des Weltalls und die Frage, was eigentlich einen Stern ausmacht, bis hin zu den Mythen und Geschichten, die Menschen seit Jahrtausenden mit den Sternbildern verbinden. Begleitet und unterstützt wurden die angehenden Feinoptikerinnen und Feinoptiker dabei von ihren Lehrerinnen Frau Linnekogel und Frau Zepper. Ein besonderer Hingucker war dabei die Kleiderwahl einiger fußballbegeisterter Schüler, die standesgemäß im Planetariumstrikot des FCC vor das Publikum traten.
Dass UNESCO-Arbeit am SBSZ jedoch weit über den Blick zu den Sternen hinausreicht, zeigte sich beim anschließenden Rundgang durch die Schule. Schulleiter Herr Patzer begrüßte die Gäste und gab gemeinsam mit den Verantwortlichen Einblicke in eine Schule, an der internationale Begegnung, Demokratiebildung und Nachhaltigkeit ihren festen Platz haben.
Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei der Austausch über Ländergrenzen hinweg ein. Im Rahmen von Erasmus konnten und können Schülerinnen und Schüler des SBSZ Erfahrungen unter anderem in Ungarn, Estland, Portugal, der Slowakei und Schweden sammeln. Hinzu kam im letzten Schuljahr ein Israel-Palästina-Trialog, verschiedene Demokratieprojekte und Exkursionen zu historischen Lernorten wie dem Erinnerungsort Topf & Söhne in Erfurt sowie Aktivitäten zur Umweltbildung. Frau Mora und Herr Herzog nutzten die Zeit, um zu erklären, was UNESCO-Arbeit am SBSZ konkret bedeutet, wie sich vor Ort globale Themen und internationale Verständigung ganz konkret mit dem Bildungsauftrag einer berufsbildenden Schule verbinden lassen.
Nach Sternen, Europa und Demokratie wurde es zur Mittagszeit ausgesprochen bodenständig. Schließlich sollte den Gästen aus ganz Deutschland das womöglich wichtigste, aber ganz sicher leckerste Stück Thüringer Kulturgut nicht vorenthalten werden: Gemeinsam stärkte man sich mit Thüringer Bratwurst – selbstverständlich mit Senf, wie von jedem Kollegen betont wurde.
Am Nachmittag führte der Weg schließlich dorthin, wo Jenaer Ingenieurskunst seit Generationen den Blick in den Himmel ermöglicht: zu ZEISS. Das Unternehmen öffnete für die UNESCO-Gäste die Türen seines Testplanetariums auf dem Werksgelände und ermöglichte damit einen exklusiven Einblick in die Welt modernster Planetariumstechnik. Die Besucherinnen und Besucher konnten aus nächster Nähe erleben, welche Technik notwendig ist, um aus einer Kuppel einen Sternenhimmel und aus wissenschaftlichen Daten ein immersives Erlebnis werden zu lassen. Dabei blieb ausreichend Zeit, Fragen zu stellen und mit den Fachleuten ins Gespräch zu kommen.
Mit seiner Unterstützung trug ZEISS wesentlich dazu bei, dass aus einem schulischen Workshop ein Tag wurde, an dem Geschichte, Bildung und modernste Technologie unmittelbar ineinandergriffen. Auch der FC Carl Zeiss Jena unterstützte das Projekt am SBSZ. Nichts verdeutlicht besser die Verbundenheit der Jenenser zu „ihrem“ Planetarium, als die riesige Begeisterung rund um die aktuelle Sternenkollektion des Vereins.
Als die begeisterten Gäste zu Füßen des neuen ZEISS-UFOs zufrieden in den Zug nach Erfurt stiegen, blieb bei allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Eindruck zurück, dass die Sterne mehr sind, als nur weit entfernte Punkte, und dass Planetarien viel mehr sind, als deren Projektionsflächen. Dieser Tag brachte Menschen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands zusammen und verdeutlichte, wie lebendig kulturelles Erbe sein kann, wenn junge Menschen es selbst entdecken, erklären und weitertragen. Wenn dabei Schule, Wissenschaft, Wirtschaft und internationale Bildungsarbeit gemeinsam den Blick nach vorn – und manchmal auch nach oben – richten, wird aus immateriellem Kulturerbe sichtbare Zukunft. Dass dafür Jena mit seiner langen Tradition von Optik, Astronomie und Planetariumsbau den Rahmen bot, hätte deshalb kaum passender sein können.
Text: Konstantin Herzog

























